Coca in Südamerika

In der nördlichen Hälfte Südamerikas wird Coca seit mindestens 5.000 Jahren gebraucht und ist seit dieser Zeit in Kultur und Religion der ansässigen Indianerstämme integriert. Bis heute wird es den Göttern geopfert und von Schamanen bei Orakeln und Heilritualen konsumiert. Die Ursachen von Krankheiten werden von den Indianern meist in der Geister- bzw. Götterwelt gesucht. Die Cocablätter haben hier zwei Funktionen. Durch den Cocarausch kann der Schamane mit den Göttern und Geistern in Verbindung treten. Durch Opfergaben werden diese besänftigt, was den Kranken heilen soll. Auch der Kranke selbst bekommt in zeremoniellen Zusammenhang Coca verabreicht. Den Toten wird Coca auf die Reise ins Jenseits mitgegeben. Auf der Höchsten Stelle eines Passes in den Anden befindet sich meist ein Opferhaufen, wo Cocablätter und andere Opfergaben den Götter hinterlassen werden. Auch bei sozialen Kontakten spielt Coca eine wichtige Rolle. Besonders bei Stammesfesten werden Große Mengen an Coca konsumiert, geopfert und geschenkt. Bei Zusammentreffen von Indianern wird Coca ausgetauscht und zusammen gekaut. Sich gegenseitig Coca anzubieten ist eine Geste der Höflichkeit.

Im Inkareich gab es kaum ein religiöses oder kulturelles Ereignis bei dem Coca fehlte. Die Postboten der Inkas, die zur Nachrichtenverbreitung in möglichst kurzer Zeit lange Stecken durch das unwegsame Andengebiet zurücklegen mussten, wären ohne Coca wohl zusammengebrochen. Als die Spanier nach Südamerika kamen, sah man in der Droge der ansässigen Indianer ein Teufelswerk. Anfangs versuchten die europäischen Unterdrücker, den Cocakonsum durch simple Gesetzte zu unterbinden, doch nach einigen Jahren mussten die Gesetze wieder fallengelassen werden, da sich die Indianer mit Vehemenz gegen dieses Diktat wehrten und ihr Coca, das für sie Handelsgut, Nahrungsmittel und sakrale Droge war (und ist), nicht unter keine Umständen aufgeben wollten.

Kokain in Europa

Nachdem es seit 1859 möglich war, den Wirkstoff, das Kokain, zu isolieren, nahm die Droge auch zunehmend Einfluss auf das europäische Kulturleben. In den goldenen 20ern wurde Kokain zur Modedroge der industriellen Welt. Seine Wirkung passte genau zum damaligen Zeitgeist. Leistung und Produktivität waren gefragt. Kokain machte die Menschen munter und aktiv. Im Zuge der zunehmenden Wirtschaftsprobleme und schließlich des zweiten Weltkriegs kam die Droge zunehmend in Vergessenheit. Nachdem in der Hippiezeit bewusstseinserweiternde Mittel Drogen erster Wahl waren, erlangte Kokain in den 80er in der Yuppiegesellschaft wieder an Bedeutung. Es waren wieder Fortschritt, Kapitalvermehrung und Arbeit gefragt. Seither ist Kokain in ungebrochenem Maße populär.

Besonders in Künstler- und Literatenkreisen erfreut sich Kokain großer Beliebtheit. So inspirierte im 19. Jahrhundert das Coca-haltige Weingetränk „Vin Mariani“ Schriftsteller wie Jules Verne, H.G. Wells oder Alexandre Dumas beim und zum Schreiben ihrer Werke. Canon Doyles Meisterdetektiv Sherlock Holmes nahm gerne, wenn er bei einem Fall nicht weiterkam eine Prise Kokain, um unter seiner Wirkung zu neuen Ideen und Erkenntnissen zu kommen. Der Engländer Robert Louis Stevenson soll seinen 1885 erschienenen Roman „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ im Kokainrausch ständigen geschrieben haben, da er die Droge unwissentlich als Medizin verschrieben bekommen hatte. Interessant an seinem Werk ist, dass der Fall Dr. Jekyll – wohl intuitiv – einen Persönlichkeitszerfall, wie er oft bei chronischem Kokainkonsum auftritt, beschrieben hat. Gottfried Benn hat der Droge sogar den Inhalt 2er 1927 erschienener Gedichte gewidmet („Kokain“ und „O Nacht“)

Richard Strauß bekam 1928 zur Vorbereitung eines kleinen Eingriffs Wattebäuschchen in die Nase geschoben, die mit Kokain getränkt waren. Infolge schrieb er in kürzester Zeit zwei Arien („Aber der richtige, wenn’s einen für mich gibt“, „Und du wirst mein Gebieter sein“) seiner Oper „Arabella“ fertig.

In den meisten Ländern fallen sowohl Kokain als auch Cocablätter unter das Betäubungsmittelgesetz. Eine Ausnahme stellen die südamerikanischen Tropenländer dar, wo das Cocakauen in die Kultur die Eingeboren integriert ist: In Peru, Bolivien und Nordwestargentinien ist sind Handel, Anbau und Konsum von Cocablättern legal. In Nordchile ist Cocakonsum zwar verboten, wird aber toleriert.

Heute ist die Modedroge Kokain besonders im Entertainment-Bereich sehr häufig anzutreffen. Der Liedermacher Konstantin Wecker wäre an seiner Jahrzehntelangen Kokainsucht fast zugrunde gegangen. Andreas Hölzl, auch unter dem Künstlernamen Falco bekannt, der erfolgreichste österreichische Popmusiker aller Zeiten, stand offen zu seiner Liebe zum Kokain. Auf seinem letzten posthum erschienen Album findet sich eine Coverversion des Liedes „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“ aus den 20ern. Als er bei einem Autounfall starb hatte er unter anderem große Mengen Kokain, Alkohol, THC und Barbiturate im Blut – ein tödlicher Drogencocktail., der wahrscheinlich der Grund für einen von ihn verschuldeten Unfall war.