Als Mutterkorn bezeichnet man das Überwinterungsstadium verschiedener Schlauchpilze der Gattung Claviceps (Mutterkornpilze). Das Gebilde (Sklerotium) sieht zapfenförmig aus, wird einige Zentimeter lang und ist dunkelviolett bis schwarz gefärbt. Typisch für das Mutterkorn ist eine Gruppe von Substanzen, die sonst kaum in der Natur vorkommen, die sogenannten Mutterkorn-Alkaloide. Wichtige Vertreter dieser Gruppe sind Ergotamin und ähnlich Subtanzen sowie das Lysergsäureamid. Letzteres ist auch für die wehenfördernde Wirkung des Mutterkorns verantwortlich, die es seit dem Mittelalter zu einer beliebten Arznei der Hebammen machte. Die Einnahme von Mutterkorn als Droge war nie sehr gebräuchlich, da die Wirkung sehr unangenehm und viele Inhaltsstoffe hochgiftig sind. Als sich allerdings der Schweizer Chemiker Albert Hofmann in den 30ern auf die Suche nach neuen pharmazeutisch interessanten Stoffen auf Basis der Mutterkorn-Alkaloide machte, wurde eine der heute bekanntesten Drogen überhaupt entdeckt: das LSD. Seine halluzinogene Wirkung wurde aber erst später zufällig entdeckt, da es primär Auswirkungen auf das Gefäßsystem waren, die man sich von den neu entdeckten Substanzen erhoffte und diese daher primär auch derartige Wirkungsweisen hin getestet wurden.

Während die bewusst Einnahme von Mutterkorn zur Herbeiführung von Rauschzuständen nie besonders verbreitet war, kam es im Laufe der Geschichte oft zur unbewussten Einnahme, wenn befallenes Getreide zu Nahrungsmittel verarbeitet wurde. Das Ergebnis waren Seuchen, die oft ganze Ortschaften heimsuchten und bei den betroffenen neben Anzeichen einer Geisteskrankheit zu massiven Durchblutungsstörungen führten. Anzeichen für Vergiftung war das Schwarzwerden der Gliedmaßen, was oft mit einem Absterben von Körperteilen und einem frühzeitigen Tod endete.

Der Zusammenhang zwischen dem Verzehr von pilzbefallenem Getreide und den regional begrenzten Vergiftungserscheinungen wurde erst im 17. Jahrhundert entdeckt. Bis dahin sah man darin eine Art Gottesrache. Im Volksmund wurde die Seuche auch als „Antonius-Feuer“ bezeichnet. Namensgebend war dafür der heilige Antonius, der nicht als Urheber sondern als Schutzpatron der Vergifteten galt. Eine weitere Bezeichnung war „ignis sacer“, zu deutsch „heiliges Feuer“. Vom Wort Ergot für Mutterkorn leitet sich der medizinische Name für eine Mutterkorn-Vergiftung ab: Ergotismus.

Da die Ursache für den Ergotismus erst sehr spät entdeckt wurde, ist es aus heutiger Sicht sehr schwer zu beurteilen, wann und wo in der Geschichte epidemische Mutterkorn-Vergiftungen auftraten. Zahlreiche geschichtliche Berichte deuten jedenfalls auf einen Zusammenhang mit dem Mutterkorn hin. Man kann allerdings ausschließen, dass europäische Seuchenberichte aus der Zeit der griechischen Hochkultur auf Mutterkorn-Vergiftungen hindeuten, da der Pilz praktisch nur auf Roggen schmarotzt und dieser erst ein Jahrtausend später nach Europa kam. Die letzte bekannte Mutterkorn-Epidemie trat in den Jahren 1926/27 in Süd-Russland auf.